Die meisten Diabetiker profitieren von kohlenhydratarmer Kost

Meinen Einstieg in die Diabetologie kurz vor der Jahrhundertwende werde ich nie vergessen. Mein Studium der Ökotrophologie lag zwei Jahrzehnte zurück. Um meiner neuen Klientel gerecht zu werden, hatte ich mich zuvor bei der Deutschen Diabetes Gesellschaft fit gemacht und wurde als frischgebackene Diabetesassistentin in einer Schwerpunktpraxis eingestellt. Der Diabetologe schickte gleich an meinem ersten Arbeitstag seine Problempatienten zu mir, von denen er annahm, sie seien nicht „compliant“. Wie sonst könnte es sein, dass sie sämtlich stark übergewichtig waren und ihr Blutzucker trotz Insulin- und Medikamentengabe nicht gut einzustellen war. So saß ich vor sechs verzweifelten Schwergewichtlern, die sich darüber grämten, dass der Doktor ihnen nicht glauben wollte. Sie äßen ganz bestimmt nicht so, wie sie aussähen.

Es war die Zeit der Kohlenhydratliberalisierung. Zucker war nicht mehr verboten. Kohlenhydrate sollten den Hauptteil der Ernährung ausmachen. Fett machte dick und krank. Ebenso die Proteine, von denen Diabetiker wegen ihrer möglichen späteren Nierenprobleme möglichst wenig essen sollten. Eier? Nicht mehr als drei in der Woche und bitte auch die in Nudeln und Kuchen mitrechnen. Alle, die ein paar (oder viele) Pfunde zu viel hatten, wurden auf 12 BE (Broteinheiten) gesetzt, was umgerechnet 1.200 Kilokalorien bedeutet. Egal, ob es sich um eine zierliche ältere Dame oder einen jungen Mann, Wandervogel, Gartenfreund, Schreibtischtäter oder Couchpotato handelte. Was dabei an Essen übrig blieb, erinnerte stark an den mittelalterlichen Umgang mit Straftätern und Gestrauchelten. Wer krank war, hatte demnach aufgrund moralischen Fehlverhaltens die Gesundheit nicht verdient. Angesichts der schwellenden Formen der meisten Diabetikerfiguren schien klar, dass sie bisher der Völlerei verfallen waren und ihren Spaß am Essen übertrieben hatten. Nun sollten sie sehen, was sie davon hatten und bis an ihr Lebensende mit einem kargen Essen bestraft werden. Das mag jetzt etwas übertrieben klingen, aber genauso fühlten sich viele Teilnehmer in den Diabetesschulungen.

Da saß ich also mit meinen ersten Diabetespatienten zusammen: Sechs übergewichtige Typ 2-Diabetiker, die – gleich ihrem behandelnden Arzt – nicht mehr an eine Besserung ihres Zustandes glaubten und ich mit all dem neuen Wissen aus der DDG-Fortbildung im Kopf. Als erstes machten wir uns daran, allen einen individuellen Essplan aufzustellen. 12 Broteinheiten. Fettarm, nicht mehr als 30 g am Tag. Das würde nicht klappen, argwöhnten die Teilnehmer. Soviel äßen sie nicht. Wie bitte? Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das zunächst nicht glauben wollte. So setzte ich meine ganze Überredungskunst ein und schickte die Patienten mit ihren Plänen nach Hause in der festen Überzeugung, sie auf den richtigen, weil wissenschaftlich gesicherten Weg geschickt zu haben.

Welch ein Irrtum. Ich schäme mich noch heute. Nach einer Woche kamen sie wieder. Zwei hatten ein Kilo mehr auf der Waage, einer sogar zwei. Der Blutzucker war bei allen schlimmer durcheinander als vorher. Das war der Beginn meiner eigentlichen Lehrzeit, die ich für die nächsten fünfzehn Jahre mit meinen Patienten als Lehrmeistern durchlief. Ganz offenbar lief etwas schief in der Diabetologie, die für alle mit den gleichen Regeln arbeitete und Diabetiker jeder Couleur zum vermehrten Verzehr ausgerechnet ihres Problemstoffes rieten. Dagegen war vieles verboten, was den Blutzucker überhaupt nicht tangiert. Im Grunde war die Diabeteskost ein Sammelsurium von vielen Diäten. Reich an Kohlenhydraten; arm an Salz, Cholesterin und Fett. Kurzum, ein ziemlich freudloses Essen. Gleichzeitig wurde gern behauptet, dass diese Kost Spaß machen solle. Das nehme ich den Vordenkern der Diabetesaufklärung besonders übel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diejenigen, die die Aufforderung zu Zehrmahlzeiten mit Spaß am Essen verbunden haben, diese Kost jemals selbst für längere Zeit ausprobiert haben, oder schlimmer, aufgrund masochistischer Veranlagung tatsächlich Spaß daran gefunden haben. Wer damals die Büffets auf Diabeteskongressen besuchen durfte, konnte sich davon überzeugen, dass die Vertreter der fettarmen und kohlenhydratreichen Ernährung sich diese Zumutung selbst nicht antaten.

Houston, da hatten wir also ein Problem. Nach den Richtlinien der DDG sollten die Schulungsteilnehmer während des Kurses auf Kohlenhydrate und die fettarme Linie eingeschworen werden. Was bedeutet, dass die meisten Schulungsteilnehmer in ihrem Diabetes manifestiert worden wären. Das wollten wir natürlich nicht. So hielten wir uns nur an den zweiten Teil der Vorgabe: Spaß am Essen. Dazu fanden wir in den Schulungsmaterialien natürlich wenig, was uns weiterbrachte.

Als erstes nahmen wir die Kohlenhydrate ins Visier und stellten sehr schnell fest, dass das Rechnen mit Brot- oder Kohlenhydrateinheiten ein ziemlich unzulängliches Unterfangen ist. Wir buken Brot aus unterschiedlichen Mehlsorten und -stufen, aßen gemeinsam genau abgewogene Mengen mit und ohne Belag und maßen im Halbstundentakt unsere Blutzuckerantwort. Damit kamen wir auf den glykämischen Index, der zwar in den USA bereits bekannt, hierzulande aber noch kein anerkannter Begriff war. Wir reduzierten die Kohlenhydrate auf ein Mindestmaß, achteten auf ihre glykämische Wirkung und aßen dafür mehr Gemüse, Fett und Protein. Das war für alle ein ungewohntes Essen. Viele der Kursteilnehmer hatten über Jahre einen großen Bogen um Fett gemacht, einige hatten Eier überhaupt nicht mehr gegessen. Ein Blick auf ihre Laborwerte der letzten Jahre zeigte, dass der Verzicht auf Wohlschmeckendes bisher nicht etwa positive, sondern negative Auswirkungen gehabt hatte. Ihre Cholesterinwerte waren über die Jahre gestiegen, besonders die Triglyzeride; das HDL lag unter dem Limit, der HbA1c-Wert war sowieso nicht in Ordnung.

Das gab den Ausschlag, auf einer Linie weiter zu machen, die damals in der Diabetologie als obsolet angesehen wurde. Wenn jedoch eine Maßnahme keine Verbesserung bringt, dann sollte sie aufgegeben werden. Egal, was die gängige Lehrmeinung dazu sagt. Wenn das Pferd tot ist, nutzt es nichts, es mit Zuckerstückchen zum Aufstehen zu bewegen. Entgegen allen Vorhaltungen machten wir weiter. Nach kurzer Zeit wurde offensichtlich, dass wir nicht mehr so recht wussten, was wir kochen sollten. So ergab es sich automatisch, dass wir in der Folgezeit überwiegend Rezepte austauschten. Jeder versuchte, seine Lieblingsrezepte so umzubauen, dass sie den Blutzucker weniger oder möglichst gar nicht belasteten. Die kulinarischen Resultate, die von den Teilnehmern in die Schulungen mitgebracht wurden, wurden von allen verkostet und anhand der Blutzuckermessgeräte vermessen. Wir verzichteten bei den Hauptmahlzeiten auf kohlenhydratreiche Beilagen oder reduzierten sie stark zugunsten der Fleisch-, Fisch- und Gemüseanteile auf unseren Tellern. Gemüse wurde nicht in Wasser geköchelt, sondern in Butter geschmort. Eier wurden schon zum Frühstück in die Pfanne geschlagen. Wir buken unsere Vollkornbrote ohne Zuckerzusatz, entdeckten den fetten Sahnejoghurt als Basis für süße und deftige Dips sowie Nachspeisen. Als die Meldung von der resistenten Stärke die Runde machte, probierten wir das sogleich aus. Wir aßen abgewogene Mengen gekochter Kartoffeln und am nächsten Tag kalte. Leider ohne Unterschied. Wie schade, was hätten wir doch mit kalten gekochten Kartoffeln alles anfangen können. Aber egal, Rückschläge sind nichts anderes als Herausforderungen. Wir bereiteten Waffeln aus Sojamehl, verschmähten gekauften Kuchen und entwickelten unsere eigenen. Mehl wurde durch geriebene Mandeln ersetzt, Zucker in der ersten Zeit durch Fruktose. Allmählich kamen wir dahinter, dass die Blutzuckerantwort dieser Mandelkuchen auch bei Verwendung von Rohrzucker moderat war. Das kam natürlich Feinschmeckern wie uns sehr entgegen. Als wir schließlich mit einer falschen – sprich mehlfreien – Schwarzwälder Kirschtorte unsere Erfolge feierten, war der Jubel bei der anschließenden Blutzuckermessung groß.

 

Wir waren so auf unsere Blutzuckerverläufe konzentriert, dass zunächst nicht auffiel, dass die meisten Teilnehmer an Gewicht verloren. Nach kurzer Zeit fühlten sich alle sehr viel leistungsfähiger, waren nicht mehr ständig müde und konnten auf ihre Insulinspritzen verzichten. Einige kamen ganz ohne Medikamente aus, andere konnten ihren Blutzucker mit Biguaniden in Schach halten. Alle sagten, sie fühlten sich jetzt nicht mehr krank. Ihr Blutzucker machte nicht mehr, was er wollte. Dass sie ihn durch ihr Essen kontrollieren konnten, gab ihnen das Gefühl, wieder Herr im eigenen Haus zu sein. Vor allem hatten sie jetzt ein Essen, das ihnen schmeckte und viel von der Lebensfreude zurückbrachte, die in den Jahren zuvor unter fettarmen Kohlenhydratbergen verschüttet worden war.

Dass das nicht nur ein subjektives Gefühl war, stellte sich bei den nächsten Laboruntersuchungen heraus. Der Langzeitzucker war nach zwölf Wochen um einige Prozentpunkte gefallen. Das Gesamtcholesterin war gesunken. Besonders die vorher stark erhöhten Triglyzeride bewegten sich im Normalbereich. Das HDL war auch wieder in Ordnung. Dies innerhalb einer recht kurzen Zeit bei Menschen, die vorher als medizinisch austherapiert galten. Für die betroffenen Patienten war das ein Aha-Erlebnis. Was hatten sie sich über die Jahre mit einer Niedrigkalorienkost gequält, ohne ihre Laborwerte dadurch günstig zu beeinflussen. Natürlich hat ihnen das keiner geglaubt. War doch klar, dass sie sich nicht an die Regeln hielten und sich heimlich mit Kalorienbomben vollstopften. Sah man doch. Nicht nur an ihrer Figur, sondern auch an den Laborwerten. Wie oft hatten sie von wohlmeinenden Ratgebern gehört, dass sie offenbar immer noch nicht genug gehungert hatten. Und jetzt, nach einem viertel Jahr Schwelgerei mit Fleisch, Fisch, Eiern und in Butter gesottenem Gemüse Erfolg auf der ganzen Linie. Nicht nur bei den Laborwerten, ganz besonders auch auf der Waage.

Wundert es hier noch jemanden, dass ich in den Folgejahren in allen weiteren Diabetesschulungen diese Linie nie verlassen habe? Das liest sich jetzt einfacher als es war. Alle, die um die Jahrhundertwende an der gängigen Diabetestherapie zweifelten, wurden als Außenseiter gebrandmarkt. Auf den Kongressen spielten sich regelrechte Tumulte ab, wenn einer von diesen unverantwortlichen Ketzern das Gegenteil der gängigen – mit Verlaub sehr Pharma-freundlichen – Theorie behauptete. Ich erinnere mich besonders an eine Zusammenkunft von Diätassistenten und Diabetesberatern in Hannover. Nicolai Worm warnte damals die Teilnehmer, sie dürften mit Regresszahlungen rechnen, sollten sie auf der Kohlenhydratliberalisierung beharren und bei uns einmal amerikanische Verhältnisse gelten. Der Aufschrei meiner Berater-Kollegen war gewaltig. Im vollen Bewusstsein, im wissenschaftlich abgesicherten Recht zu sein, wurden einige „Herren Professoren“ zitiert, die das Gegenteil gesagt hätten. Nun ja. Ich genoss die Aufregung und dachte: „Der Mann hat recht“.

Es war nicht schwer, die betroffenen Patienten zu überzeugen. Ganz anders sah das bei den zuweisenden Ärzten und Diabetologen aus. Nur wenige waren angetan, die meisten jedoch „not amused“, wenn ihre Patienten aus den Schulungen mit weniger oder gar keinen Medikamenten zurückkamen. Die verbesserten Laborwerte gaben selten Anlass für Lob aus Medizinermund. Auch nicht das reduzierte Körpergewicht oder die Versicherung des Patienten, man würde sich jetzt viel wohler fühlen. Mehr als einmal bekamen Patienten die Anweisung, so zu essen wie vorher und unbedingt das verordnete Insulin weiter zu spritzen. Die Schulungsleiterin wurde mehrfach daran gemahnt, sich an die Lehrmeinung zu halten und die Patienten nicht zu verunsichern.

Ein Essen, das arm an Kohlenhydraten, reich an Proteinen und etwas fettreicher ist, kommt nach meiner Beobachtung den meisten Typ-2 Diabetikern entgegen. Hin und wieder gibt es aber auch Patienten, die damit nicht gut zurechtkommen. Denen fällt es besonders schwer, morgens auf ihr geliebtes Marmeladenbrötchen und einen ordentlichen Beilagenberg zum Mittagessen zu verzichten. Dass es zum Abendbrot nicht mehr überwiegend Brot gibt, ist ihnen suspekt. Sie mögen in der Regel ein fettarmes Essen und brauchen über den Tag verteilt kleine Kohlenhydratmengen, um sich wohl zu fühlen. Diese Typ 2-Diabetiker kommen gut mit der Kohlenhydratliberalisierung zurecht unter der Voraussetzung, dass ihre Therapeuten ihnen weitgehend freie Hand lassen und von Schuldzuweisungen absehen. Allein die Angst vor einem „falschen“ Essen kann den Blutzucker hochtreiben. Auch das ist eine Beobachtung aus den Diabetikerschulungen, um die es im einem der nächsten Beiträge gehen soll.

Veröffentlicht in: https://fet-ev.eu/gastbeitrag-diabetestherapie-praxis/