Alle Jahre wieder

Zu Weihnachten wird in den meisten Familien gut und gern geschlemmt. Das ist schon seit langen Zeiten so und ist heute nicht anders. Mit dem Unterschied, dass heute die meisten von uns – dank der Ernährungsaufklärung der letzten fünfzig Jahre – ein schlechtes Gewissen dabei haben. Und genau das ist schlimmer für die Figur als es ein opulentes Essen sein könnte.

Ein schlechtes Gewissen macht Stress und Stress macht dick. Stresshormone fluten unser Blut mit Zucker und körpereigenen Fetten, die – wenn sie nicht unmittelbar in Bewegungsenergie umgesetzt werden – in unserem Fettgewebe rund um die Taille wieder eingelagert werden. Immerhin scheint ja Gefahr im Verzug zu sein. Unser Oberstübchen unterscheidet dabei nicht, ob es sich um eine reale oder eingebildete Gefahr handelt. Es ist gleichgültig, ob wir vor einer Wildschweinrotte stehen oder Angst vor den möglichen Folgen eines deftigen Essens haben. Wenn wir gedanklich den leckeren Gänsebraten bereits auf unseren Hüften oder unserem Cholesterinspiegel wähnen, dann kann das auf unseren Stresspegel eine ähnliche Wirkung haben wie das Zusammentreffen mit einer Herde gefährlicher Wildtiere.

Wenn man sich das klarmacht, müsste man eigentlich nur keine Angst vor dem Gänsebraten haben oder – wenn man sie doch hat – die einverleibten Kalorien anschließend bei sportlicher Betätigung verbrauchen. Letzteres wird in der Tat kurz vor Weihnachten auf allen Kanälen geraten. Mit Verlaub! Für die 700 – 800 Kalorien Gänsebraten müssten Sie für mindestens eine Stunde auf die Ski-Piste. Ohne Lift, versteht sich. Für die Knödel und den fetten Rotkohl, den Sie dazu essen, planen Sie am sicherheitshalber noch eine weitere Runde Langlauf ein. Nach einem Glas Glühwein sind mindestens eine Stunde Schlittschuhlaufen angesagt. Und wollen Sie wirklich an den Festtagen für jede Marzipankartoffel eine viertel Stunde um den Block rennen? Wie ungemütlich ist das denn? Besonders, wenn nicht nur eine Marzipankartoffel handelt. Vielleicht machen Sie sich statt dessen lieber den Spaß und rechnen aus, wie lange Sie bei Ihren Essgewohnheiten an den Feiertagen unterwegs sein müssten. Wahrscheinlich bliebe Ihnen dabei kaum Zeit, all die Kalorienbomben überhaupt zu essen.

Für die Coachpotatoes unter uns gibt es natürlich auch jede Menge Ratschläge. Die reichen von weniger Kekse essen über den Verzicht auf die leckere Gänsebratenhaut bis zu fettarmen Zubereitungs-Varianten unserer traditionellen Weihnachtsessen. Muss es zwischendurch unbedingt der kalorienreiche Lebkuchen sein? Eine rohe Möhre ist doch auch süß. Ja, geht’s noch? Was die diversen Ernährungs-Ratschläger übersehen, dass es sich beim gemeinsamen Essen keineswegs nur um pure Nährstoffaufnahme handelt. Ganz besonders nicht um Weihnachten herum. Da werden nur wenige von uns ihre Figur neu definieren wollen. Da wird zusammen mit Familie und Freunden geschlemmt. Da werden Kindheitserinnerungen wach, die mit bestimmten Gerüchen und Geschmäckern und ganz besonders mit traditionellen Familien-Rezepten verbunden sind. Nur wenn dieser ganz bestimmte Duft von Zimt, Kardamom und Gänse- oder anderem Braten durch die Wohnung wabert, dann ist Weihnachten. Eine Möhre schafft das nicht. Das kann man wirklich nicht von ihr erwarten.

In diesem Sinne genießen Sie ihr traditionelles Weihnachtsfest und lassen Sie es sich nicht von Ernährungs- und Fitnesspäpsten vermiesen. Zugenommen wird eh nicht zwischen Weihnachten und Neujahr, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten.

Veröffentlicht in Umwelt-Zeitung Nov./Dez 2016