Die sieben Arten des Hungers

Im Taschenbuch „Achtsam essen“ von Jan Chozen Bays werden sieben Arten des Hungers beschrieben. Streng genommen handelt es sich dabei nicht um den echten Hunger, der entsteht, wenn unser Energiepegel fällt. Eigentlich sind es sieben Arten von Appetit.

1. Augenhunger

Kennen wir alle. Im Grunde genommen sind wir satt, aber wir sehen bei unserem Partner, unserer Begleitung eine Nachspeise, die uns dann doch noch reizt, selbst etwas zu bestellen und zu essen.

Wie stillen wir den Augenhunger ohne zu essen? Durch etwas schön Anzusehendes. Schauen Sie sich durch ein Kochbuch oder eine Rezeptzeitschrift. Welche der abgebildeten Speisen sprechen Sie besonders an? Sehen Sie sich satt an den schönen Fotos. Wenn Rezeptfotos zu sehr „triggern“ und die Gefahr besteht, sie sofort in die Tat umsetzen zu wollen, braucht es andere Reize. Kaufen wir uns einen bunten Blumenstrauß, oder weiden unsere Augen an schönen Landschaftsausblicken. Sind keine in der Nähe, tut es auch ein Reiseführer mit schönen Bildern. Wer bewusst hinsieht, kann überall reizvolle Dinge entdecken. Das Gänseblümchen im Asphalt, die Spiegelungen in den Pfützen, Fußspuren im frisch gefallenen Schnee, die pittoresk verwitternden Dachziegel auf dem Haus nebenan, das seidig glänzende Fell von Nachbars Katze. Schauen wir nicht achtlos an solchen „Augenblicken“ vorbei, nehmen wir uns Zeit, sie wahrzunehmen. Manchmal reicht es schon, solche Bilder vor dem geistigen Auge entstehen zu lassen.

2. Nasenhunger

Die Nase bekommt Hunger beim Duft aus der Bäckerei oder dem Geruch einer Bratwurst an einem Imbiss-Stand. Das, was im allgemeinen den Geschmack einer Speise ausmacht, ist überwiegend ihr Geruch. Beim Zerkauen wird der Geruch durch den Verbindungsgang zwischen Rachen und Nase wahrgenommen, gleichzeitig auch der Duft, der aus dem Mund heraus und an der Nase vorbeizieht. Damit versagen uns sehr viel Genuss, wenn wir zu hastig essen und zu wenig kauen.

Wie kann man den Nasenhunger ohne Kalorien stillen? Durch einen angenehmen Duft. Schnuppern Sie an Duftfläschchen, Parfüms, intensiv duftenden Blumen. Kräutertöpfe auf einem sonnigen Fensterbrett. Schöne Duftöle in einer Duftlampe, Vanilleöl z.B. duftet nicht nur gut, sondern wirkt auch appetitstillend. Wer unter häufigen Süßhungerattacken leidet, der könnte davon profitieren.

3. Mundhunger

Unser Mund hungert nach angenehmen Empfindungen, eine Reminiszenz an unsere Säuglingsjahre. Das Cremige eines Puddings oder der scharfe Geschmack eines Gewürzes. Diese Art des Hungers kann man schlecht beschreiben, weil jeder den Mundhunger anders empfindet. Unsere Erziehung, unsere Umgebung und andere Erfahrungen prägen das, was im Mund angenehm ist und was nicht.

Der Mundhunger wird durch Empfindungen gestillt. Wie oft stecken wir uns etwas Essbares in den Mund, ohne zu überlegen, nur weil wir ein bestimmtes Gefühl vermissen? Wärme, Behaglichkeit, Zuhause sein, sich verstanden fühlen sind in hektischen Situationen nicht so leicht und immer sofort zu haben. Der Schokoriegel muss als Ersatz herhalten.

Vielleicht genügt es hin und wieder, auf einem Eiswürfel zu lutschen oder warmen Tee zu trinken. Am einfachsten ist der Mundhunger durch genüssliches und ausgiebiges Kauen bei den Hauptmahlzeiten zu stillen, vorausgesetzt, wir nehmen uns genügend Zeit zum Essen. Für zwischedurch kann ein Kaugummi sehr hilfreich sein.

4. Magenhunger

Der Magenhunger wird wahrgenommen als „Loch im Bauch“ oder Magenknurren, das nicht unbedingt Hunger bedeuten muss, in der Regel aber so von uns verstanden wird. Normalerweise bewerten wir unseren Magenhunger über die Augen, mit denen wir die richtige Menge an Essen einschätzen. Wie voll muss der Teller sein, damit ich die Gewähr habe, satt zu werden? Gilt die gleiche Menge auch, wenn ein kleiner Teller benutzt wird?

Der echte Magenhunger hat allerdings mit unserer Sehkraft wenig zu tun. Legen Sie bitte einmal die Finger beider Hände aneinander. Dabei entsteht ein kleiner Hohlraum zwischen den Handinnenflächen. Etwa so groß ist das Volumen Ihres Magens. Der Magenhunger ist gestillt, wenn der Magen etwa zu einem dreiviertel gefüllt ist. Dann arbeitet er auch gern so wie er soll. Isst man jedoch weiter und füllt den Magen weiter an, „ist man zum Platzen voll“. Das ist nicht nur ein ungutes Gefühl, es stört auch die geregelte Verdauungsarbeit. Da waren die Augen wohl größer als der Magen. Wenn Sie einmal bewusst nach dem Verzehr Ihrer individuellen Magenfüllmenge innehalten, können Sie den Sattpunkt spüren. Und dann essen Sie noch ein wenig mehr und fühlen den Unterschied. Sie werden einen unangenehmen leichten Druck spüren, der uns bei der hektischen Schlacht am Esstisch normalerweise gar nicht auffällt.

5. Zellhunger

Jeder von uns kennt den Zelhunger in seiner häufigsten Form: Durst signalisiert den Bedarf an Wasser. Zum Zellhunger gehören aber auch diese seltenen Ereignisse, in denen man starken Appetit auf etwas Bestimmtes bekommt. Damit sind nicht Süßigkeiten oder Kuchen gemeint, sondern in der Regel Lebensmittel, die im allgemeinen als „gesund“ eingestuft werden. Nach einer längeren Fastenkur oder Krankheit kann es ein Apfel oder anderes „Frisches“ sein, also der Ruf der Zellen nach Kohlenhydraten und Vitaminen. Bei hohem Blutverlust nach einer Operation z.B. können Vegetarier urplötzlich Hunger auf Fleisch haben, weil damit der Eisenverlust des Körpers am schnellsten und sichersten aufgefüllt werden kann. Oder nach heftigem Schwitzen verlangen wir nach Salzigem, um den Salzverlust des Körpers auszugleichen. Solche Situationen sind Alarmzeichen unserer Zellen, die Nachschub brauchen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können.

6. Geistiger Hunger

In der Regel verstehen wir geistigen Hunger als den Wunsch, Wissen anzueignen oder unsere Spiritualität zu fördern. Hier ist jedoch etwas anderes gemeint. Dieser Hunger beruht auf den Verhaltensregeln, die wir in Bezug auf unser Essen gelernt haben und täglich neu mit unterschiedlichsten Informationen über die richtige Ernährung aufnehmen. Wir sollen zwei Liter Wasser täglich trinken, Kaffee entwässert, Fett macht fett oder alternativ macht es nicht fett, dafür aber tun es die Kohlenhydrate. Abends nach 18 Uhr darf man nichts mehr essen, ohne Frühstück geht man nicht aus dem Haus, Eier und Butter….oh je.

Wo ist denn hier der Notausgang? Keine Panik, er ist näher als Sie denken. Jeder Mensch (und jedes Tier) ist mit einer inneren Weisheit ausgestattet und weiß, was ihm/ihr gut tut. Man muss all die widersprüchlichen Regeln und Diäten gar nicht ausprobieren. Man muss sich nur fragen, ob man auf das, was vorgeschlagen wird, Appetit hat. Ölsardinen zum Frühstück und das Abnehmen ist sicher? Keineswegs. Das gilt nur für diejenigen, die morgens Appetit auf Ölsardinen haben. Die anderen würden davon nicht schlank. Obstsalat am frühen Morgen? Für die einen eine wunderbare Vision, für die anderen das Vorzimmer zur Hölle. Gesund ist für jeden immer nur das, was er mag und was gut tut. Füttern wir also unseren geistigen Hunger mit den Informationen, die uns gut tun.

7. Herzhunger

Der Herzhunger ist das, was uns zum Essen greifen lässt, wenn wir eigentlich lieber gerade ganz woanders sein wollen. Das sind für jeden bestimmte Lebensmittel, die das Herz erwärmen und Erinnerungen wecken. Was verbinden wir mit bestimmten Gerichten? Die Linsensuppe oder der Napfkuchen bei der Oma, bei der es immer so gemütlich war und die so gut zuhören konnte. Die Knusperdinger auf der häuslichen Fernsehcouch, eingekuschelt zwischen den anderen Familienmitgliedern? Mutters warme Buchteln, wenn man aus der Kälte ins warme Zuhause kam und so richtig durch gefroren war?

Der Herzhunger ist wohl die gewaltigste Antriebsfeder für scheinbar unmotiviertes Zwischendurchessen. Es lohnt sich, sich damit auseinander zu setzen und zu versuchen, solche Situationen anders zu füllen. Wenn gerade niemand in der Nähe ist, an den man sich lehnen oder den man anrufen kann, gilt es, sich individuelle Wohlfühlinseln zu schaffen. Ein duftendes Schaumbad, ein gutes Buch, ein schöner Kräutertee mit Honig, ein Spaziergang oder …….was auch immer individuell zusagt. Nur eins sollte man nicht: Den Herzhunger überhören oder mit Leckereien dämpfen zu wollen. Das klappt nicht, Entlastung gibt es nur für den kurzen Augenblick, bis der Bissen herunter geschluckt ist.

Welche Hungerart ist bei Ihnen besonders ausgeprägt? Finden Sie es heraus und pflegen Sie sie behutsam.

Ein Gedanke zu „Die sieben Arten des Hungers

Kommentare sind geschlossen.