Zu gesund ist nicht gesund

Frage an Radio Eriwan: „Macht ungesundes Essen krank?“

Antwort: „Im Prinzip nein. Solange Sie es nicht essen“.

Wenn Sie über diese Antwort schmunzeln können, dann leiden Sie nicht an Orthorexie. Aha. Jetzt möchten Sie aber doch wissen, woran Sie nicht leiden? Unter Orthorexie wird die obsessive Sucht nach einer gesunden Ernährung verstanden, die für den Betroffenen zum Lebensmittelpunkt wird. Der Begriff setzt sich aus dem griechischen „orthos“ (richtig, korrekt) und „orexis“ (Appetit, Begierde) zusammen. Gesund essen zu wollen, ist eigentlich ein vernünftiger Vorsatz. Wird dieser Vorsatz jedoch zur fixen Idee, dann ist das nicht gesund.

Der amerikanische Arzt Steven Bratman hat diese Sucht erstmals 1997 beschrieben. Als Alternativmediziner beriet er seine Patienten in Ernährungsfragen. Er glaubte fest daran, dass eine gesunde Ernährung allgemeingültigen Regeln unterliege und dass das strikte Einhalten dieser Regeln gesundheitsförderlich sei. Er hatte seine Lebensmittelauswahl zunehmend eingeschränkt. Gemüse gab es nur, wenn es vor nicht länger als fünfzehn Minuten im eigenen Garten geerntet war, angebaut unter streng biologisch-dynamischen Gesichtspunkten, versteht sich. Er aß am liebsten allein, um die nötige Ruhe für eine optimale Verdauung zu haben. Essenseinladungen waren ihm ein Graus. Konnte er doch nicht sicher sein, dass es an den Tischen der Gastgeber hinsichtlich der Zusammenstellung der Speisen korrekt zuging. Konnte er aus Höflichkeitsgründen nicht absagen, empfand es das als sündhaft und bestrafte sich anschließend durch selbst verordnetes Fasten. Mit der Zeit musste er erkennen, dass er sich geirrt hatte. Sowohl seine körperliche als auch seine geistige Gesundheit ließen nach. Die zunehmende soziale Isolation tat ihr übriges. Der Gedanke an gesundes Essen hatte alles andere überlagert. Gesund zu essen war zur Ersatzreligion geworden.

Steven Bratman hatte die Größe, seinen Irrtum öffentlich einzugestehen. Leider war er kein Einzelfall, sonst wäre die Welt heute wieder in Ordnung. Bedingt durch den Missionseifer vieler Ernährungswissenschaftler, Ärzte und selbsternannter Gesundheitsberater lebt auch heute der Gedanke weiter, man könne seine Ernährung mit dem Verstand und dem allgemein zugänglichen Wissen um eine gesunde Ernährung optimieren. Das ist deshalb so grotesk, weil niemand – weder Medizin- noch Ernährungswissenschaften – wirklich weiß, wie eine allgemeingültige gesunde Ernährung zusammengestellt sein sollte. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts waren es nur die zehn Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die die Volksgesundheit stabilisieren sollten, was sie nachweislich nicht getan haben. Heute schwirrt es nur so von gegensätzlichen Ratschlägen. Wie es dem jeweiligen Ratschläger beliebt, macht der Genuss von Kartoffeln gesund oder todkrank. Milch sorgt für ein stabiles Knochengerüst oder verschleimt den Körper. Weizengluten macht dumm oder intelligent. Kaffee ist gut für die Leber oder schädlich für das Herz. Rotwein stärkt das Herz oder schädigt die Leber. Zwischen die Leber und die Milz passt dafür immer noch ein…. na ja. Sie wissen aber schon, dass so ein Pils den Bierbauch anschwellen lässt. Oder?

Wie haben bloß die vielen Generationen vor uns überlebt? Bar jeden Wissens um gesunde Ernährung? Die waren immerhin so fit, dass sie sich sogar fortpflanzen konnten. Sonst gäbe es uns ja nicht. Vertrauen wir doch auf unseren gesunden Menschenverstand und darauf, dass es für ein gesundes Essen frei nach G. B. Shaw nur eine einzige goldene Regel gibt, nämlich die, dass es keine goldene Regel gibt.

veröffentlicht in Umwelt-Zeitung, 23. JG, Sep./Okt. 2016, S. 39