Honig: Süß und klebrig und was noch?

Um den Honig ranken sich unzählige Mythen. Die Götter der Antike verdankten ihm ihre Unsterblichkeit. Die alten Ägypter sahen im Honig die Tränen des Sonnengottes Ra. Allvater Odin bezog Weisheit und Kraft aus dem klebrigen Saft. Im Alten Testament zieht es die Kinder Israels in das Land, in dem Milch und Honig fließen. All dies wird die aufgeklärten Geister unserer Zeit schwerlich von der Besonderheit des Honigs überzeugen können. Vielleicht hilft hier Hippokrates weiter, der um 400 v.Ch. gelebt hat. Ein medizinischer Tausendsassa, dem man heute so ziemlich alles zuschreiben kann, was an Weisheit für Sanitas und Wohlbefinden überliefert worden ist. So wusste er über die fiebersenkende Wirkung des Honigs und verwendete ihn sogar zur Behandlung von offenen Wunden.
Seit Jahrzehnten wird vehement um den Wert des Honigs gestritten. Auf der Seite der Vollwertesser gilt Honig als unersetzbares Süßungsmittel. In esoterischen Kreisen werden ihm viele gesundheitliche Wirkungen zugeschrieben. Kritische Realos dagegen sehen im Honig nichts anderes als eine übersättigte Zuckerlösung aus 80 % Zucker und 20 % Wasser. Dazu Spuren von Vitaminen und Mineralstoffen. Davon so wenig, dass an eine Bedarfsdeckung mit normalen Mengen überhaupt nicht zu denken ist.
Oh je. Ganz so ohne ist der Honig sicher nicht. In letzter Zeit rücken die im Honig enthaltenen Enzyme aus dem Bienenspeichel in den Blickpunkt. An der Universität Waikato in Neuseeland wurde die medizinische Wirksamkeit von Honig wissenschaftlich untersucht. Mit dem Ergebnis, dass Honig in der Tat antibiotische Eigenschaften hat. Was schon Hippokrates wusste und auch viele Generationen vor uns ahnten: der Honig hilft bei Entzündungen und bei der Wundheilung. Dies wahrscheinlich besser, als all die vielen teuren Erkältungsmittelchen, mit denen wir uns im Krankheitsfall bedienen. Wenn er dann noch in viel warmen Wasser gelöst als Tee getrunken wird, dann haben wir schon fast alles zusammen, um einer banalen Erkältung zu trotzen. Das Wasser (oder die Milch) darf allerdings nicht allzu heiß sein. Ab über 40°C verlieren die Enzyme ihre antibiotische Wirkung.
Krankmachende Keime können sich aufgrund des hohen Zuckergehaltes nicht im Honig vermehren. Das heißt allerdings nicht, dass Honig generell frei von Keimen ist. Das gilt besonders für billige Honigangebote mit unklarer Herkunft. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, Kindern unter einem Jahr keinen Honig zu geben. Es könnten Botulismus-Sporen enthalten sein, mit denen das Immunsystem von Babies noch nicht zurechtkommt. Auch eignet sich der Honig, der in Ihrer Küche steht, nicht zur Wundbehandlung. Der für medizinische Behandlungen genutzte Honig wird mit Gammastrahlen sterilisiert, die mögliche Keime zerstören, nicht aber die an der Heilwirkung beteiligten Enzyme.
Dass uns der Honig so gut schmeckt, liegt überwiegend an seinem hohen Zuckergehalt und natürlich an den variierenden Aromastoffen der von den Bienen angeflogenen Pflanzen. Entgegen den Behauptungen der Honigvermarktung, die den Zuckergehalt als wertvollen Energieträger bewirbt, ist das für die Bauchträger unter uns allerdings ein Nachteil. Schreibtischtäter und Couchpotatoes brauchen keine Energiebooster, die bei vielen Kalorien nur Spuren von lebenswichtigen Nährstoffen bringen. Die Enzyme aus dem Bienenspeichel wirken als Hustensirup auch schon in geringer Dosis. Und für den Genuss ein, zwei Löffelchen auf das Frühstücksbrötchen…
Veröffentlicht in Umweltzeitung, 23.JG,  Mai/Juni 2016