Chiasamen. Superfood ?

Eigentlich stehe ich bei meinen Kindern und Patienten in dem Ruf, einen sehr langen Geduldsfaden zu haben. Aber es gibt Dinge unter der Sonne, die machen mich böse. Dazu gehört die verzweifelte Suche übersatter Zivilisationen nach neuen Nahrungsquellen. Immer gesünder, immer effektiver und nach Möglichkeit von weit her soll es sein.

Chia ist als Nahrungsmittelzusatzstoff seit etwa zwei Jahren der Hype auf dem Gesundheitsmarkt. Als Heilsamen der Maya angeblich so gesund, dass der bewusste Esser es unbedingt an sein Müsli oder Smoothie löffeln muss. So teuer, dass es sich nur die Reichen und Schönen rund um die Uhr leisten können. Nach dem Einweichen so glibberig, dass man schon sehr von den beworbenen Vorteilen geblendet sein muss, um es mitessen zu wollen. Und so wunderbar exotisch. Das macht doch mehr her als unsere einheimischen Leinsamen.

Möglicherweise haben Sie an dieser Stelle Genaueres über die Gesundheitswirkung dieser Wundersamen erwartet. Kommt aber nicht. Das überlasse ich Weltverbesserern und den Marktstrategen der großen Food- und Gesundheitskonzerne. Natürlich setzten sich die Vermarkter darüber hinweg, dass der wissenschaftliche Beweis noch aussteht. Immerhin wollen sie die Ware möglichst teuer verkaufen. Mit der Angst vorm Krankwerden lässt sich trefflich Umsatz machen.

Das Chia-Geschäft erinnert stark an die damalige Markteinführung von Soja. Die Soybean-Assoziation hat es sich Milliarden kosten lassen und am Ende sogar unsere Fachverbände für Gesundheit davon überzeugen können, das Zeug, das eigentlich gar kein Nahrungsmittel ist, als Bestandteil einer gesunden Ernährung zu präsentieren. Soja wurde daraufhin in der dritten Welt in großem Stil angebaut, um den Bedarf in zivilisierten Ländern zu decken. Viele Hektar Anbaufläche wurden für Soja reserviert, die den dortigen Kleinbauern für die Eigenproduktion an Nahrung fehlten und sie in die soziale Verelendung trieben.

Was die Zukunft von Chia angeht, so wäre es gut, wenn wir es gar nicht so weit kommen lassen würden und unseren Verstand benutzen. Wollen wir doch bitte nicht vergessen, dass die mexikanische Bevölkerung Chia nicht als Gesund- sondern mangels anderer Nahrung als Sattmacher nutzte. Wir können es uns heute nicht mehr leisten, ein Nahrungsmittel nur nach seinem gesundheitlichen Wert zu betrachten. Uns muss auch interessieren, was der zunehmende Verzehr global anrichtet, besonders dort, wo es angebaut wird. Wir sollten darüber nachdenken, was es uns am Ende kosten wird, wenn wir mit unserem Appetit auf exotisches Superfood die Kleinbauern am anderen Ende der Welt um Brot, Arbeit und Land bringen. Es sind nicht nur militärische Auseinandersetzungen, die Menschen aus den betroffenen Ländern zwingen, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Wir sind ein Teil dieser Ursache, wenn wir „den Hals nicht voll kriegen können“ und Nahrung aus verelenden Gebieten abziehen.

Erinnern Sie sich an ein Lied von Insterburg & Co aus dem Jahre 1973?. Fast könnte es als Omen für die globale Nahrungsmittelvermarktung verstanden werden. „Ich liebte ein Mädchen ….“, erst in sämtlichen Berliner Stadtbezirken, dann Deutschland, weiter auf der ganzen Welt und ganz zum Schluss auf dem Mars. „Und das wars“. Wir dürfen gespannt sein, wo wir in Zukunft noch nach unserem Essen suchen werden.
Nur am Rande sei noch vermerkt, dass der Begriff Superfood kein fachlicher ist. Er ist von pfiffigen Werbeleuten erfunden. Damit sollen diejenigen, die sowieso schon zu viel zu essen haben, dazu gebracht werden, komische Dinge zu verzehren, die sie sonst nicht zu sich nehmen würden. Wenn man es so will, kann man auch ganz alltägliche Speisen mit diesem Begriff adeln. Versuchen wir doch einmal, diesen leidigen Spinat als Superfood an unsere Kinder zu bringen. Das könnte sogar funktionieren. Na super.

(veröffentlicht in: Umwelt-Zeitung. Umweltzentrum Braunschweig e.V., 23. Jahrgang, März/April 2016)