Voll auf die Nuss

Im Gegensatz zu Mandeln und Haselnüssen spielten Walnüsse in meiner Küche bisher eine eher untergeordnete Rolle. Für viele Jahre allenfalls knack und happs direkt aus der Schüssel oder Tüte. Als die Kinder und Enkel noch kleiner waren, waren Walnüsse wichtiges Bastelutensil. Sie waren die Köpfe der Apfelmännchen oder wurden vorsichtig in zwei Hälften zerlegt. Daraus wurden kleine Schiffchen gebastelt, die mit brennenden Kerzenstummeln beladen in großen Wasserschüsseln in See stachen. Mit kleinen Schätzen oder beschriebenen Zettelchen befüllt und wieder zusammengeklebt wurden sie den Lieblingsverwandten zu Weihnachten als Glücksnüsse präsentiert.
Das änderte sich, als Tante Ruth aus dem Schwarzwald unbekannterweise und posthum in mein Leben trat.

Wenn ihre Nichte Heidi mit ihrem Mann Uli aus Olching zum Braunkohlessen nach Braunschweig kommen, haben sie immer die ultimative Engadiner Walnusstorte im Gepäck. Gebacken nach einem alten Familien-Rezept von Tante Ruth. Und hier ist es, genau in ihren Worten, denn schöner kann man es nicht sagen:

Engadiner Nusstorte
Teig: 300 g Mehl werden mit 200 g Butter, 100 g Zucker, 1 Ei und einer Prise Salz zu einem festen Teig geknetet. Davon braucht man gut die Hälfte zum Auslegen der Springform. Die Torte muss einen Rand haben, damit die Fülle gut hält. Den Rest benötigt man zuletzt als Deckel.
Fülle: 1 Tasse Zucker wird schön braun geröstet (nicht zu dunkel, weil sonst bitter). 1 Tasse Rahm dazu geben und 2 Tassen grob geschnittene Walnüsse. 1 Esslöffel Honig würde den Geschmack noch verfeinern.
Sobald der Zucker wieder flüssig ist, wird die Masse in die Springform auf den Teig geleert und der Deckel darauf gelegt. Den Deckel mit einer Gabel ein paar Mal einstechen und im nicht zu heißen Ofen bei 175° für etwa 30 bis 35 Minuten goldgelb backen.

Da die Füllung sehr süß ist, kommt man beim Teig mit etwas weniger Zucker aus. Ich nehme etwa 50 bis 60 g. Für die Füllung bietet sich Rohrzucker an. Der ist schon goldbraun und braucht nur kurz erhitzt zu werden, bevor er mit der Sahne zerkocht wird. Nehmen Sie dazu besser keine beschichtete Pfanne, die von den Karamellstückchen zerkratzt werden kann. Mit einem letzten Anstrich eines verquirlten Mich-Eigelb-Gemisches glänzt der Kuchen nach dem Backen „wie der Christen inwendiges Leben“.

Angesichts dieses Engadiner Leckerbissens fallen natürlich andere Nussverwertungsvarianten weniger auf. Probieren Sie vielleicht einmal Walnusskerne mit vollfettem Joghurt und Honig. Geht schnell und schmeckt um Klassen besser als so mancher fertige Fruchtjoghurt aus Müllers oder Meiers Milchregal.

Wal- und andere Nüsse wurden über viele Jahrzehnte von der Gesundheitsaufklärung als Kalorienbomben vorgeführt. Schade. Natürlich haben sie Kalorien. Aber was für welche! Nüsse enthalten wertvolle Fettsäuren, Mineralstoffe und Eiweiß. Vergessen Sie die Warnung vor den Kalorien und genießen Sie jeden Tag eine Handvoll. Das entlastet unter anderem den Geldbeutel vom Kauf der vielfach zum Herzschutz angepriesenen Fischöl-Kapseln, denn Nüsse liefern weit mehr schützende Inhaltsstoffe für Herz und Gefäße. Unverbesserliche Kalorienwächter, die Nüsse immer noch in einem Atemzug mit Leberwurst und Schmalz nennen, bekommen am besten eins voll….(s.o)